24 Februar 2008:

Seit einem Monat bin ich nun wieder zurück in Entasekera und es ist an der Zeit ein kurzes Lebenszeichen zu schicken.
Der Abschied von der Familie war schwer, die Anreise war wegen der langen Aufenthalte in Frankfurt und Doha langwierig und mühsam. In Frankfurt hat man mir gleich mitgeteilt, dass die Innsbrucker vergessen hatten, mein Gepäck mitzuschicken, aber man werde sich bemühen, dass ich es dann in Nairobi bekomme. Von Doha nach Nairobi war ich die einzige Europäerin unter etwa 400 Fluggästen, einige Chinesen, Asiaten und der Grossteil Afrikaner. Die Unruhen in Kenya hatten sich also bereits auf den internationalen Tourismus ausgewirkt. Nur die Chinesen waren anscheinend mutig genug, nach Nairobi zu fliegen.
Die Einreise in Nairobi am 22. Jänner war ohne Probleme, aber mein Gepäck war wie bereits befürchtet nicht da. Doch Quatar Air hat sich offensichtlich sehr bemüht und am Abend des nächsten Tages ist dann mein Gepäck mit der Swissair über Zürich gekommen. Gott sei Dank, denn im Koffer hatte ich auch das Modem für den Internet-Anschluss!! und viele andere Dinge, die ich sehr vermisst hätte, wäre der Koffer verloren gegangen.
Nairobi war ruhig, mit viel Polizei- und Militär an allen Ecken und Enden, die Straßen fast menschenleer, eine fast geisterhafte Stimmung. In die Innenstadt bin ich natürlich nicht hineingekommen und musste ich auch nicht. Ich habe am Folgetag am Abend (23. Jänner) mein Gepäck geholt und noch einmal in Nairobi übernachtet. Um die Zeit zu überbrücken, habe ich sehr viel Nachrichten geschaut um mich auf den neuesten Stand zu bringen. Die große Hoffnung, dass Kofi Anan eine bedeutende Vermittler-Rolle spielen wird können wurde in allen Sendungen zum Ausdruck gebracht. Kofi Anan sollte derjenige sein, der die Probleme auf den Punkt bringen wird können und dem beide, Raila und Kibaki vertrauten. Alle anderen Vermittlungsversuche waren bis dato fehlgeschlagen.
Am 24. Jänner hat mich Peter, ein Taxifahrer aus Narok bereits um 7.00 Uhr in der Früh abgeholt. Auf den ca. 180 Kilometern von Nairobi nach Narok ist uns kein einziges öffentliches Fahrzeug begegnet, die Ortschaften im Rift Valley waren menschenleer. Peter hat viele Geschichten erzählt über die Ereignisse, die sich nach dem Wahlbetrug zugetragen hatten, doch jetzt sei Narok wieder ruhig und das Leben kehre langsam zurück in die Stadt. Trotzdem war ich schockiert. Narok war wie ausgestorben, der Markt niedergebrannt, einige Geschäfte an der Hauptstraße zerstört und ausgebrannt, die meisten kleinen Geschäfte geschlossen, keine Musik aus den Lokalen, viel Polizei und Militär.
Ich habe mein Auto in der Werkstatt abgeholt, vollgetankt, Geld für die Löhne auf der Bank geholt und eingekauft. Um 13.00 Uhr war ich bereits unterwegs in Richtung Loita und um 16.00 Uhr war ich endlich wieder in Entasekera. Es war ein freudiges Wiedersehn, viele hatten befürchtet, ich käme nicht wieder!!
Inzwischen hat sich die Situation im Land beruhigt, Kofi Anan hat allen Erwartungen entsprochen, doch der humanitäre und wirtschaftliche Schaden ist groß und die internationale Reputation von Kenya ist zerstört. Es wird viel Versöhnungsarbeit notwendig sein und die Regierung wird endlich Dinge aufarbeiten müssen, die bereits Jahrzehnte im Argen liegen. Hoffen wir, dass es gelingen möge.
Die Loita Region hat von allen Problemen im Land nichts mitbekommen, doch die Auswirkungen sind auch hier spürbar. Wegen der Unruhen haben die Viehmärkte fuer die Maasai nicht stattgefunden, die Menschen konnten keine Tiere verkaufen, das Geld ist somit sehr knapp. Alle Güter und Lebensmittel und der Treibstoff sind empfindlich teurer geworden, die Patienten können ihre Beiträge nicht bezahlen, das Einkommen im Health Centre ist auf ein Drittel gesunken. Und so war ich froh, dass ich durch Eure Hilfe ermöglicht, zumindest die Löhne und Medikamente bezahlen konnte.
Inzwischen hat die große Regenzeit verfrüht eingesetzt. Die ganze Gegend ist paradiesisch grün, die Menschen haben nun zumindest genug Milch und müssen nicht hungern. Doch die Straßen haben sich in verheerende Schlammpisten verwandelt und wir waren eine Woche lang von der Umwelt abgeschnitten.
Das ist dann besonders bitter, wenn wir einen Patienten zu einer Notoperation wegen eines paralytischen Ileus unbedingt in ein anderes Krankenhaus verlegen müssen beziehungsweise wollten. Das Rettungsauto ist im "Sandriver" steckengeblieben und wir konnten es erst zwei Tage später bergen, den Patienten konnten wir glücklicherweise heil wieder zurückbringen nach Entasekera. Und wie durch ein Wunder hat sich durch die "Ausfahrt" die Darmlähmung wieder gelöst und wir konnten den Mann trotzdem retten. Er hat dann gemeint: "Mungu anajua" - "Gott weiß warum"!! Einfach so! Welche bangen Stunden ich durchgemacht habe, weiß auch nur Gott allein.
Gleich nach meiner Rückkehr habe ich eine riesengroße Schachtel von Medikamenten sortiert, die amerikanische Touristen im Dezember zurückgelassen hatten. Der Grossteil waren Psychopharmaka gegen Panikattacken, Schlaflosigkeit und Depressionen, einige Blutdruckmittel und eine ganze Menge verschiedenster Lipidhemmer. Nur die Vitamine und Schmerzmittel waren brauchbar für uns. Welch ein Bild zeichnet das von einer Gesellschaft, die es sich leisten kann, teure "Walking-Safaris" zu machen, doch offensichtlich Angst hat, in diesem Land eine Panikattacke oder Depression zu bekommen. Dass sie dann die Lipidhemmer und Antidepressiva nicht mehr gebraucht haben, lässt mich schliessen, dass der Urlaub in mancher Hinsicht vielleicht doch ein Augenöffner war. Doch wohin nun mit all diesen Wohlstands-Medikanten, die unsere Maasai sicher nie brauchen werden?
Natürlich habe ich auch gleich versucht, das Internet wieder in Gang zu bekommen, doch vergeblich. Das Satellitenmodem war in Rom wieder neu programmiert worden und die Anleitung zur Neuinstallation sollte "kinderleicht" sein. Doch bis jetzt ist es mir nicht gelungen, ein entsprechend hohes Signal zu produzieren, dass der Satellit erreicht werden kann. Die Anrufe über Satellitentelefon bei der Firma SIGNIS in Rom lösen dort nur Ratlosigkeit aus. Es liegt nun wahrscheinlich an der Einstellung der Satellitenschüssel. Und kein Techniker im ganzen Land, der sich dabei auskennt!!!! Eine wahrhaft "Unendliche Geschichte". Und so bleibt weiterhin der Postweg und das Internet-Cafe in Narok, um mit Euch in Verbindung zu bleiben. Auch die Handy-Verbindung über das Handynetz in Tanzania bringt wegen der anhaltenden Regenfälle nur ab und zu gerade soviel "Saft" zustande, dass ich gelegentlich ein SMS schreiben kann.
Zum Abschluss noch einmal tausend Dank für alle Begegnungen, Gespräche, moralische und finanzielle Unterstützung, und vor allem für die Freundschaft und das Gebet, das wir alle in diesem schönen aber zerrissenen Land so notwendig brauchen.