2. März 2008 - Wiedersehen in Kenya - Teil II von Dr. Maria Schiestl:
Gott weiß warum

Inzwischen hat sich die Situation im Land beruhigt, Kofi Anan hat allen Erwartungen entsprochen, doch der humanitäre und wirtschaftliche Schaden ist groß und die internationale Reputation von Kenya ist zerstört. Es wird viel Versöhnungsarbeit notwendig sein und die Regierung
wird endlich Dinge aufarbeiten müssen, die bereits Jahrzehnte im Argen liegen. Hoffen wir, dass es gelingen möge.
Die Loita Region hat von allen Problemen im Land nichts mitbekommen, doch die Auswirkungen sind auch hier spürbar. Wegen der Unruhen haben die Viehmärkte für die Maasai nicht stattgefunden, die Menschen konnten keine Tiere verkaufen, das Geld ist somit sehr knapp. Alle Güter und Lebensmittel und der Treibstoff sind empfindlich teurer geworden, die Patienten können ihre Beiträge nicht bezahlen, das Einkommen im Health Centre ist auf ein Drittel gesunken. Und so war ich froh, dass ich durch eure Hilfe ermöglicht, zumindest die Löhne und Medikamente bezahlen konnte.
Inzwischen hat die große Regenzeit verfrüht eingesetzt. Die ganze Gegend ist paradiesisch grün, die Menschen haben nun zumindest genug Milch und müssen nicht hungern. Doch die Straßen haben sich in verheerende Schlammpisten verwandelt und wir waren eine Woche lang von der Umwelt abgeschnitten.
Das ist dann besonders bitter, wenn wir einen Patienten zu einer Notoperation wegen eines paralytischen Ileus unbedingt in ein anderes Krankenhaus verlegen müssen beziehungsweise wollten. Das Rettungsauto ist im "Sandriver" steckengeblieben und wir konnten es erst zwei Tage später bergen, den Patienten konnten wir glücklicherweise heil wieder zurückbringen nach Entasekera. Und wie durch ein Wunder hat sich durch die "Ausfahrt" die Darmlähmung wieder gelöst und wir konnten den Mann trotzdem retten. Er hat dann gemeint: "Mungu anajua" - "Gott weiß warum"!! Einfach so! Welche bangen Stunden ich durchgemacht habe, weiß auch nur Gott allein.
Gleich nach meiner Rückkehr habe ich eine riesengroße Schachtel von Medikamenten sortiert, die amerikanische Touristen im Dezember zurückgelassen hatten. Der Großteil waren Psychopharmaka gegen Panikattacken, Schlaflosigkeit und Depressionen, einige Blutdruckmittel
und eine ganze Menge verschiedenster Lipidhemmer. Nur die Vitamine und Schmerzmittel waren brauchbar für uns. Welch ein Bild zeichnet das von einer Gesellschaft, die es sich leisten kann, teure "Walking-Safaris" zu machen, doch offensichtlich Angst hat, in diesem Land eine Panikattacke oder Depression zu bekommen. Dass sie dann die Lipidhemmer und Antidepressiva nicht mehr gebraucht haben, lässt mich schließen,
dass der Urlaub in mancher Hinsicht vielleicht doch ein Augenöffner war. Doch wohin nun mit all diesen Wohlstands-Medikanten, die unsere Maasai sicher nie brauchen werden?
Natürlich habe ich auch gleich versucht, das Internet wieder in Gang zu bekommen, doch vergeblich. Das Satellitenmodem war in Rom
wieder neu programmiert worden und die Anleitung zur Neuinstallation sollte "kinderleicht" sein. Doch bis jetzt ist es mir nicht gelungen, ein entsprechend hohes Signal zu produzieren, dass der Satellit erreicht werden kann. Die Anrufe über Satellitentelefon bei der Firma SIGNIS in Rom lösen dort nur Ratlosigkeit aus. Es liegt nun wahrscheinlich an der Einstellung der Satellitenschüssel. Und kein Techniker im ganzen Land, der sich dabei auskennt!!!! Eine wahrhaft "Unendliche Geschichte". Und so bleibt weiterhin der Postweg und das Internet-Cafe in Narok, um mit euch in Verbindung zu bleiben. Auch die Handy-Verbindung über das Handynetz in Tanzania bringt wegen der anhaltenden Regenfälle nur ab und zu gerade soviel "Saft" zustande, dass ich gelegentlich ein SMS schreiben kann.
Zum Abschluss noch einmal tausend Dank für alle Begegnungen, Gespräche, moralische und finanzielle Unterstützung, und vor allem für die Freundschaft und das Gebet, das wir alle in diesem schönen aber zerrissenen Land so notwendig brauchen.