Neuigkeiten von Dr. Maria Schiestl aus Entasekera - Teil I
E-Manyatta Olorika

Wieder einmal ein Gruß aus dem Maasailand in den LOITA Hills im Südwesten von Kenya. Diesmal
ein etwas anderer Bericht, ein Bericht über das wichtigste Ereignis im Leben eines Maasai-Mannes: die E-Manyatta Olorika, „the Settlement of the Stool“. Eine Manyatta, eine sogenannte temporäre
Siedlung aus igluartigen Lehmhütten (errichtet von den Frauen) wird immer dann gebaut, wenn ein wichtiges kulturelles und traditionelles Erreignis im Leben der männlichen Mitglieder des Maasai-Volkes stattfindet.
Wie bereits früher einmal berichtet,
wird das Leben der Maasai von jahrhundertealten traditionellen
Riten und Zeremonien durchwoben. Bei der Geburt eines Sohnes wird die Mutter besonders
verwöhnt und bekommt zur Stärkung ein Blut-Milch Gemisch, das beste Stück vom Lamm und es wird Honigbier zubereitet, um zu feiern, während die Geburt
eines Mädchens oft kaum beachtet wird.
Bei der Namensgebungs-Zeremonie
bekommt der Bub vom Vater eine Kuh geschenkt, die den Grundstein für die spätere Herde des Sohnes bilden soll. Die symbolisch geschenkte Kuh an eine Tochter bleibt weiterhin im Besitz des Vaters.
Von besonderer Bedeutung sind die verschiedenen Stadien der “Initiation” mit der Beschneidung als Höhepunkt. Und von diesem Zeitpunkt an gibt es dann die Zugehörigkeit zur “Beschneidungsgruppe”
oder späteren Altersgruppe,
das heißt, alle Buben und Jugendlichen, die im großen
Intervall von zweimal fünf Jahren beschnitten worden sind, gehören entweder zur „rechten“
(= früheren/ älteren) oder zur linken (= späteren/ jüngeren) Gruppe mit jeweils einem spezifischen „Sammelnamen“, der beim Auftakt der Beschneidungen vom Loibon, dem „Patriarchen“ der Maasai und seinen Beratern zugeteilt wird. Ein für unsere Begriffe schwierig nachvollziehbares
System, doch sehr bedeutend
für die Menschen hier und ihr Leben. Die Altersgruppe ist entscheidend für Heirat, den Rang in der Gesellschaft, die Wichtigkeit der eigenen Taten, das Gewicht des Wortes, den Status der angeheirateten Frauen, die Durchführung verschiedener Riten, durch welche die Gruppe und die einzelnen Individuen neue Identitäten erhalten, usw. Innerhalb jeder Altersgruppe, man könnte es am ehesten mit Schulkollegen
des gleichen Jahrganges bzw. Jahrzehntes vergleichen, gibt es spezifische Umgangsformen und Tabus, die auf andere Altersgruppen
nicht übertragbar sind. Und innerhalb der Altersgruppe sind die einzelnen Individuen eingebunden in eine Struktur von Riten, Arbeitsteilung, Privilegien, Verantwortung. Jeder Ritus von „der Wiege bis zur Bahre“ gleicht den Stufen einer Leiter, auf der „Mann“ ständig höher steigt. Ein faszinierendes System!
Das Kriegerstadium verliert im übrigen Maasailand mehr und mehr an Bedeutung, doch die Loita-Maasai, die sich als letzte Hüter der Maasaikultur betrachten,
praktizieren weiterhin diesen Brauch. Das Ende des Kriegerstadiums
wird mit einem großen Fest gefeiert (die sogenannte Eunoto Zeremonie), für das auch eine Manyatta errichtet wird.
Danach darf der junge Mann heiraten
und eine Familie gründen. Das Sagen in der Großfamilie hat jedoch weiterhin der Vater, beziehungsweise die ältere Generation.
Erst durch die Manyatta des Stuhles, bei der die Generation der 35- bis 45-Jährigen durch die Überreichung eines vierbeinigen Schemels in den „Ältestenstand“ erhoben werden und die rechte und linke Beschneidungsgruppe zu einer gemeinsamen Altersgruppe
(Age-set) vereint wird, bekommt der Mann das Recht, in öffentlichen Versammlungen das Wort zu erheben. Erst ab diesem Zeitpunkt hat sein Wort Gewicht und er kann Entscheidungen für die Gemeinde mittragen und mitbestimmen.
Ein bisschen erinnert mich das fast an das alte Wort: „Ein Tiroler wird erst mit 40 Jahr gscheit!“.
Neuigkeiten von Dr. Maria Schiestl aus Entasekera - Teil II
E-Manyatta Olorika

Mitte Juli haben die Frauen begonnen,
auf einem vom Loibon bestimmten Areal in zwei großen Ovalen angeordnete temporäre Häuser aus Reisig, mit Kuhdung und Lehm verputzt, zu errichten. Insgesamt sind 268 Hütten gebaut worden, ein imposanter Anblick. In vielen vorbereitenden Riten bei denen alle bestehenden jüngeren und älteren Altersgruppen ihre Aufwartung machen wird die Vereinigung
der rechten und linken Gruppe zu einem Age-set vorbereitet,
es werden Versöhnungsfeste gefeiert, alte Schulden beglichen, Familienkonflikte beseitigt, Missverständnisse
ausgeräumt und bei allem fließt natürlich auch viel Honigbier und es werden viele Tiere geschlachtet und verzehrt, von deren Fleisch Frauen und Kinder nur das „abbekommen“, was die Männer übrig lassen. Den Abschluss bildet die Überreichung des vierbeinigen Zeremonienschemels
und die Ernennung jedes einzelnen Mannes zum Ältesten. Jedes einzelne Fest ist ein farbenprächtiges
Spektakel und zieht viele Schaulustige an.
Trotz aller Farbenpracht und überschwänglichen „Partystimmung“ in der Manyatta stimmt mich die Abhaltung dieser Zeremonie nachdenklich.
Es ist wirklich verwunderlich,
dass trotz der schlechten finanziellen Situation der Menschen,
der anhaltenden Dürre und des Hungers (seit Mitte Mai ist kein Tropfen Regen gefallen), der Unter- und Mangelernährung vor allem der Frauen und Kinder ein solches Fest geplant und durchgeführt wird und, dass dann plötzlich doch Geld da ist, um das lokale Bier zu brauen, für das eine Unmenge Zucker und Honig notwendig sind.
Unsere Patientenzahlen, die wegen der Dürre und des Rindersterbens seit Beginn des Jahres rückläufig waren, da offensichtlich kein Geld für medizinische Behandlung ausgegeben
werden will, sind wieder etwas steigend. Der Hauptgrund dafür ist eben diese MANYATTA, die etwa 2 km vom Health Centre entfernt errichtet worden ist. Und weil das Wasser rar und nicht allzu sauber ist, auch weil es keine Toiletten
gibt (unser Angebot Latrinen zu bauen wurde abgelehnt, da die Maasai traditionell keine Toiletten benützen wollen, sondern ihr Geschäft
im Busch verrichten), gibt es viele, die krank werden. Vor allem die Kinder, die bei den Frauen sind, haben starke Verkühlungen und Durchfallerkrankungen, auch Verbrennungen sind an der Tagesordnung. Und nun, da die Feiern losgegangen sind, fließt das Honigbier in großen Mengen, und wo es Alkohol gibt, kommt es auch zusätzlich zu „Unfällen“ aller Art.
Und weil wegen der Kälte in der Nacht natürlich alle eng „zusammenkriechen“
und außerdem alle zur gleichen Altersgruppe gehören,
wird wahrscheinlich auch die HIV-Rate steigen. Wir vom Health Centre versuchen zumindest
durch Gesundheitserziehung und HIV-Aufklärung in regelmäßigen „Manyatta-Besuchen“ eine Verhaltensänderung zu erreichen. Vielleicht können wir doch etwas bewirken und in Zeiten von HIV/ Aids diesen alten Brauch der „legalen
Promiskuität“ innerhalb der Altersgruppen durchbrechen.
Seit Jahresbeginn haben wir mehrere
Frauen-Workshops abgehalten, zu denen die Frauen aus allen Teilen
von Loita eingeladen werden. Den Teil über Frauenrechte hat die kenyanische Organisation „Amani Communities Africa“ übernommen,
deren Aktivitäten von der Aktion „Sei So Frei“ Innsbruck finanziert werden. Den medizinischen
Teil mache ich mit meinen Mitarbeitern. Immer wieder werden jetzt Stimmen laut, dass Stärkung der Frauen in ihren Rechten nur dann einen Sinn macht, wenn die Männer den Frauen ihre Rechte zulassen und geben. Eine archaisch strukturierte Gesellschaft wie die Loita Maasai, die nicht einmal ihren jungen Männern Rechte einräumt, wird dies jedoch noch weniger für die Frauen tun. Und so hoffen wir, dass wenigstens die junge Generation der Vierzigjährigen
nach der „Manyatta des Stuhles“ sich nicht nur um ihre eigenen Rechte in der Gesellschaft bemüht, sondern auch die Frauen mit einschließt.
Ich schreibe dies bei wolkenlosem Himmel, an dem die Sonne unbarmherzig
brennt. Regen ist nicht in Sicht, auch wenn die Metheorologen
sintflutartigen Regen, den sogenannten "Elniniyo" vorhersagen.
Vielleicht soll dies die Gemüter der Menschen beruhigen und über dem süßlichen Geruch der Tierkadaver, der überall in der Luft liegt, den Menschen die Hoffnung geben, dass bald alles besser wird und der Hunger ein Ende hat. Nahrungsmittelverteilungen
wären wohl angesagter als Wettervorhersagen.